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Buchempfehlung

Die Bibel - was man wirklich wissen muss

So lautet der Titel eines neuen Buches des Mainzer Theologen Christian Nürnberger. Schon nach wenigen Zeilen möchte man tatsächlich mehr über die Bibel erfahren. Der Autor beginnt bei der Urgeschichte mit Adam und Eva und stellt heraus, wie modern, human und revolutionär der jüdische, monotheistische Glaube in Relation zu den allzu menschlichen Schöpfungs- und Göttermythen der damaligen nichthebräischen Welt war, er setzt sich mit dem Brudermord von Kain und Abel und dem immer wiederkehrenden Abweichen der Menschen von Gottes Willen auseinander, mit den Urvätern; Abraham, mit der Isaak-Geschichte und  dem betrügerischen Jakob, mit dem Geschehen am Sinai und mit den ersten dreihundert glücklichen Jahren der Israeliten zur Zeit der Richter, mit dem Leid Hiobs, mit Johannes dem Täufer und der Frage, weshalb dieser an genau jener Stelle getauft hat, an der 1500 Jahre zuvor die Israeliten bei ihrer Rückkehr aus Ägypten den Jordan überschritten hatten, mit dem Leben und Auftreten Jesu (“Ein Radikaler im öffentlichen Dienst”), mit dem realen, mutmaßlichen Geschehen auf Golgatha, mit den Motiven des Judas, der in Jesu bis zuletzt nur den wundertätigen Messias sieht, mit der ganz realen Angst des Petrus im nächtlichen Gerichtshof, mit dem Werdegang des Christentums nach Jesu Tod bis heute - biblisches Geschehen für uns moderne Menschen zum Greifen nahe!

Aber Nürnberger bleibt nicht bei einer modernen Bibelinterpretation stehen. Er bezieht persönlich zu Glaubensfragen Stellung und er weicht dabei auch nicht der für uns unbequemen Frage nach der Auferstehung Jesu und der Toten aus. Und im Gegensatz zur Bibel endet Nürnberger in seinem Buch nicht bei Apostelgeschichte, Paulusbriefen und Offenbarung, sondern er geht weiter, bis in unsere Gegenwart hinein, sogar bis zum Papst und der Zölibatfrage und er kehrt dabei doch immer wieder zurück zur eigentlichen Kernfrage des ursprünglichen alt-jüdischen und christlichen Glaubens, nämlich die Tatsache, dass Gott nur durch uns Menschen handeln will und das auch nur dann, wenn wir uns seinen Absichten nicht vorsätzlich widersetzen. Er nennt das “Gottes Utopie”. Hier ein Auszug:

Gottes Volk soll durch seine Existenz beweisen, dass das, wovon die Urgeschichte handelt, die endlose Verkettung aus Hass und Gewalt, durchbrochen werden kann. Und zwar hier und jetzt auf der Erde, und nicht erst in einem zukünftigen Jenseits.

[...]

Drei Dinge fallen auf. Erstens: Er, der Allmächtige, könnte ja genau so wie er durchs bloße Wort die Welt und die Menschen schuf, die Kirche erschaffen und die Menschen durchs bloße Wort bekehren. Das tut er nicht, denn er möchte, dass der Mensch sich Gottes Plan aus freien Stücken zu eigen macht und mit Leben erfüllt. Gott riskiert bewusst, dass der Mensch nein sagt, seine Freiheit missbraucht und sich zu einem kalt berechnenden Wesen entwickelt, das tierischer handelt als jedes Tier - dass dies geschieht, erleben wir bis zum heutigen Tag. Aber ohne diese Möglichkeit wären wir keine Menschen, sondern programmierte Automaten ohne eigene Würde.

Weil Gott auf den freien Entschluss des Menschen setzt, ist der Allmächtige letztendlich ohnmächtig. Gott will handeln, aber das gelingt nur, wenn die Menschen es zulassen. Nur durch sie kann Gott ins Weltgeschehen eingreifen. Vor diesem Hintergrund ist die oft gestellte Frage: “Wo war Gott in Auschwitz?” einfach falsch gestellt, denn die Frage kann nur lauten: Wo war der Mensch? Und schärfer noch: Wo war die Kirche, wo waren die Christen?

Das ist Nürnbergers aufrüttelnde Botschaft: Der Mensch ist voll verantwortlich für seine Taten, auch kollektiv, für alles, was sich Menschen gegenseitig und ihrer Umwelt antun. Diese Verantwortlichkeit bekamen wir bereits zugeteilt als Adam und Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis aßen und dafür aus dem beschützenden Paradies gejagt wurden - und dennoch Gnade fanden und nicht verdammt wurden. Stattdessen nahm sie Gott in ihrem verbotenen Handeln ernst und schickte sie in aller Konsequenz in ihre selbst gewählte Freiheit, in der auch wir nun - gottgleich - fortan selbst über unser Tun entscheiden können (und müssen). Aber Gott will nicht unser Leid und lässt uns auch in dieser Freiheit nicht allein; mit den 10 Geboten und mit der Botschaft Jesu hat uns Gott genügend Hilfe an die Hand gegeben, mit der unser irdisches Leben ganz im Sinne von “Gottes Utopie” gelingen kann. Es liegt nur an uns, ob wir diese Hilfe annehmen oder uns lieber weiterhin von kurzsichtigen, egoistischen Motiven leiten lassen.

Diese gleichermaßen schlüssige wie theologische Sichtweise mag in ihrer solitären Freiheit und einsamen Verantwortlichkeit etliche Christen erschauen lassen, die sich lieber in einem festen Regelwerk geborgen fühlen würden und die Bösen dieser Welt ihrer gerechten Strafe zugeführt wissen möchten. Und Nürnbergers Sichtweise mag auch modern klingen; tatsächlich hat erst in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der jüdische Theologe Hans Jonas in einem vielbeachteten Vortrag unter Bezug auf den Holocaust die These vertreten, “Gott habe sich aus dem Weltgeschehen zurückgezogen”.  Aber dennoch hat dieser Gedanke ein wahrhaft biblisches Alter. Nürnberger schildert das ängstliche Zaudern und Zagen, das die Israeliten beim Anblick des gelobten Landes überfiel:

Die Sklavenpest erfasste das Volk - die Scheu vor dem letzten Schritt, die Angst der Untertanen vor der Verantwortung. Ihre aus Ägypten mitgebrachte Käfigmentalität lässt die Entflohenen vor dem grenzenlos und gefährlich erscheinenden Reich der Freiheit erschauern. Unter den Schauern der Angst vorm eigenen Mündigsein kippt der Glaube um, meutert das Volk geradezu panisch gegen Mose. Wieder verklären die Sklavenseelen das sichere, sorgenfreie Leben im scheinbar gemütlich warmen Mief der übersichtlichen Winkel des ägyptischen Käfigs.

Doch bei aller Modernität grenzt sich Nürnberger in seinen Ansichten ausdrücklich von der kritisch-historischen Bibelforschung und den Ansichten einiger moderner Theologen, wie z.B. Rudolf Bultmann ab (ohne diese gleichzeitig herab zu setzen). Und er gibt dennoch zu, dass weder er, noch Bultmann, noch dessen schärfster Kritiker Klaus Berger, noch Papst Benedikt XVI. eine endgültige Antwort auf die uns alle so brennend interessierende Frage nach der Auferstehung der Toten haben:

So recht der Papst und der Heidelberger Professor mit ihrer Kritik haben, mehr als das Offenhalten der Frage nach Gott und Auferstehung gelingt auch ihnen nicht.

Damit wird in vollem Umfang die persönliche Freiheit des Glaubenden gewahrt und nicht etwa eine neue Denkvorschrift erteilt. Dennoch bietet das Buch Denkmodelle und Denkanstöße, die weit über das hinaus gehen, was in einer noch so guten Predigt möglich wäre und regt zu eigenen Gedanken an. In leicht verständlicher Sprache haben Nürnbergers Gedanken und Schilderungen eine leicht nachvollziehbare, sehr plausible Überzeugungskraft, bei denen man sich gerne Orientierung holt - ein Buch, das für den modernen, suchenden Menschen geschrieben wurde!

Erschienen im September 2005

Rowohlt-Verlag, Berlin

222 Seiten, 16,90 Euro

ISBN 3 87134 534 2

Text: Norbert Graubner