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Theologisches

Brief an Julia

Ich habe Religionsunterricht in der ersten Klasse. Die Kinder sitzen im Stuhlkreis, das Thema des Tages: Die Geschichte von ZachĂ€us. Da spricht mich Julia an und sagt: “Ich hab da mal was zu fragen, zur Bibel. Ich kanns Dir zeigen”.

Ich bitte sie, es mir am Ende der Stunde zu zeigen.

Kurz vor dem Klingeln kommt Julia zu mir mit  ihrer Kinderbibel unter dem Arm. In dem als Comic gestalteten Buch liegen zwei große gelbe Zettel. Sie zeigt mir die erste markierte Seite: die Geschichte von Noah. Im letzten Bild schlachtet Noah ein Schaf als Opfertier. Das andere Schaf sieht man traurig und allein im Hintergrund. Julia zeigt darauf und sieht mich fragend an. "Jetzt ist doch nur noch EIN Schaf da ..."

Ich nicke. Hab verstanden. Wie soll das mit der Vermehrung klappen? Gute Frage!

Dann zeigt sie mir die Seite mit der Geschichte von der Opferung Isaaks. Sie schaut mich nur fragend an.

"Das ist eine Geschichte, die ist sehr schwer zu verstehen", meine ich.

Sie nickt "Das hat die Mama auch gesagt".

Dann antworte ich, dass wir manchmal im Leben jemand hergeben mĂŒssen, den wir sehr lieb haben. Wenn jemand stirbt, weil er alt oder krank ist.

Dann vermisst ihn seine Familie sehr. Und manche fragen: “Warum hast Du das gewollt, Gott?"

Die anderen Kinder haben mitgehört und einige berichten, dass in ihrer Familie auch schon mal jemand gestorben ist.

Ich erklÀre Julia und den anderen Kindern die beiden Fragen, so gut und so kindgerecht wie ich kann.

Es klingelt zur Pause.

Julia geht zu ihrem Schulranzen, holt ihr Hausaufgabenbuch hervor, kommt damit noch mal zu mir und fragt: Kannst Du mir das was Du gesagt hast, da rein schreiben?”

Aber weil ich dazu etwas Zeit brauche, schreibe ich ihr zu Hause diesen Brief:

1. Mose 8,13-20:

13) Im sechshundertsten Lebensjahr Noahs am ersten Tage des ersten Monats waren die Wasser vertrocknet auf Erden. Da tat Noah das Dach auf von der Arche und sah, dass der Erdboden trocken war.
14) Und am siebenundzwanzigsten Tage des zweiten Monats war die Erde ganz trocken.
15) Da redete Gott mit Noah und sprach:
16) Geh aus der Arche, du und deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Söhne mit dir.
17) Alles Getier, das bei dir ist, von allem Fleisch, an Vögeln, an Vieh, und allem GewĂŒrm, das auf Erden kriecht, das gehe heraus mit dir, dass sie sich regen auf Erden und fruchtbar seien und sich mehren auf Erden.
18) So ging Noah hinaus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne,
19) dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles GewĂŒrm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.
20) Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.

1. Mose 22,2-13:

2) Und Er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.
3) Da stand Abraham frĂŒh am Morgen auf und gĂŒrtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem Gott ihm gesagt hatte.
4) Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die StÀtte von ferne
5) und sprach zu seinen Knechten: Bleibt hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
6) Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.
7) Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo aber ist das Schaf zum Brandopfer?
8) Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.
9) Und als sie an die StÀtte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz
10) und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.
11) Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
12) Er sprach: Lege Deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fĂŒrchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
13) Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hÀngen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.

Liebe Julia!

Ich finde es ganz prima, dass Du mit den Eltern in Deiner Kinderbibel liest. Und ich bewundere Dich, wie grĂŒndlich Du dabei nachdenkst. Du hast mir Fragen gestellt zu Sachen, die in anderen Kinderbibeln meistens gar nicht drin stehen, weil sie sehr schwierig sind. Auch fĂŒr uns Erwachsene sind diese Dinge schwer zu verstehen. Denn die Geschichten aus der Bibel sind sehr alt. Es war vor langer Zeit, als sich die Leute zum ersten Mal von Noah erzĂ€hlt haben. Die Leute damals haben gedacht: „Bestimmt war Noah Gott sehr dankbar fĂŒr seine Rettung!" Und es war bei ihnen so ĂŒblich, Opfertiere als Dank fĂŒr Gott zu schlachten. Also haben sie die Geschichte auch so erzĂ€hlt: Noah schlachtet am Ende ein Schaf fĂŒr Gott.

Aber du hast völlig Recht: Wenn zwei Schafe gerettet werden und am Ende nur noch eins da ist, wie soll denn das mit der Vermehrung klappen? Da stimmt etwas nicht!

An diesem Punkt mĂŒsste man die Geschichte eigentlich Ă€ndern, damit alles richtig logisch ist. Trotzdem ist die Geschichte sehr klug, finde ich. Die Menschen von damals haben uns etwas Wichtiges zu erzĂ€hlen gehabt: Manchmal erleben wir schlimme Naturkatastrophen, so wie die Große Wasserflut. Aber Gott will das Leben auf der Erde nicht zerstören, sondern beschĂŒtzen. Er beschĂŒtzt nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere. So wie Noah und die Tiere in der Arche.

Liebe Julia, stell Dir vor: Deine Mama erzÀhlt Dir eine schöne Geschichte. Sie handelt davon, dass Deine Eltern dich sehr lieb haben. Beim ErzÀhlen macht die Mama ein paar Fehler. Aber das ist dann nicht so schlimm, oder? Hauptsache, das Wichtigste stimmt. So ist das auch mit der Bibel. Da sind einige Fehler drin. Aber das Wichtigste ist, dass wir merken: Gott hat uns lieb. Ganz bestimmt.

Es gibt andere Geschichten in der Bibel, die wĂŒrde ich glatt herausstreichen, wenn ich könnte. Die von Abraham zum Beispiel, wie er Isaak opfern soll. Wie konnten die Menschen damals nur so etwas Grausames von Gott erzĂ€hlen! Ich glaube dagegen: Gott ist gut zu uns. So wie Jesus es erzĂ€hlt hat. Die schlimme Geschichte von Abraham steht trotzdem in der Bibel. Und vielleicht ist das doch auch gut so.

Denn sie erzĂ€hlt ja von unsrem Leben: Manchmal mĂŒssen wir Menschen jemanden hergeben, den wir sehr lieb haben. FĂŒr ein Kind ist es sehr schwer, wenn seine Katze ĂŒberfahren wird oder sein Meerschweinchen krank wird und stirbt. Und ganz schlimm ist es fĂŒr uns alle, wenn wir einen lieben Menschen verlieren. Dann fragen wir auch manchmal: „Warum muss das sein?"

Dann kommt uns Gott auch sehr grausam vor. Wie in der Geschichte von Abraham. Trotzdem sollen wir wissen: Gott hat uns immer lieb, auch wenn er uns sehr Schweres zumutet. So wie bei Abraham. Und wenn wir jemand hergeben mĂŒssen, wird Gott ihm ein neues Leben schenken.

Liebe Julia, mach weiter so!

Du wirst bestimmt noch oft Fehler oder schwierige Sachen in der Bibel entdecken. Wie wir alle. Aber die Geschichten von Gott und Jesus werden Dir hoffentlich auch viel Freude machen. Ich glaube, wir alle, Kinder und Erwachsene, brauchen sie.

Liebe GrĂŒĂŸe, auch an Deine Eltern!


 

Diese Geschichte hat sich tatsĂ€chlich so zugetragen. Julia hat Fragen gestellt, die auch manchen von uns Erwachsenen bewegen und auf die viele trotz besten BemĂŒhens entweder keine, oder nur unbefriedigende oder vielleicht sogar in die Irre fĂŒhrende Antworten finden. Die Bibel ist nicht leicht zu verstehen. Bibelauslegung ist eben eine richtige Wissenschaft. Und auch unter den Fachleuten ist lange nicht alles "klar".  Vieles wird kontrovers diskutiert.

Und dennoch bleibt die Bibel fĂŒr uns wertvoll. Viele der ErzĂ€hlungen, die sie enthĂ€lt, bewegen die Menschen unverĂ€ndert seit Jahrtausenden - und sie gibt Antworten darauf! Wir dĂŒrfen getrost fragen:

“Was aus diesen Geschichten bewegt und trĂ€gt auch mich?” - ohne uns zugleich mit jenem Fremdartigen aus ĂŒberkommenen, uralten Weltbildern herumplagen zu mĂŒssen! Wenn sich ein Mensch einem Bibelwort so weit nĂ€hern kann, dass es ihn trĂ€gt - dann ist es fĂŒr ihn Gottes Wort!

Wenn Sie noch Fragen zu Julia’s Geschichte oder andere VerstĂ€ndnisprobleme mit theologischen Themen haben, helfe ich Ihnen gerne; schreiben Sie mir einfach hier eine E-Mail! Oder - wenn Ihre Frage, bzw. die daraus resultierende Antwort den Rahmen einer E-Mail-Korrespondenz sprengen wĂŒrde - besuchen Sie mich in meiner offiziellen Sprechstunde, immer donnerstags um 18:00 Uhr im GemeindebĂŒro in Ober-Olm oder vereinbaren Sie mit mir einen GesprĂ€chstermin (Tel. 06136-814812).

Ihre Pfarrerin Brigitte Meinecke